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Onlinetagebuch
Alpenüberquerung
Dragon
Riders fliegen über die Alpen -
Etappen
eines unvergesslichen Drachenflugs - Bericht von Lukas Bader
Piloten: Herbert Sturm, Lukas Etz, Hans Bausenwein, Olli Barthelmes,
Lukas Bader
Vorgeschichte
Es
war das verlängerte Wochenende über den ersten Mai. Die
deutsche Drachenliga rief nach Greifenburg. Wir flogen auch zwei
schöne Wettbewerbsdurchgänge. Am 1. Mai 2001 cancelt der
Ligaausschuss den Wettbewerbstag schon vormittags wegen strammem
Südwind. Als fast alle auf dem Heimweg sind, bessern sich die
meteorologischen Bedingungen schlagartig. Wir sind genau eine Hand
voll "zurückgebliebene" Piloten die nach einem herrlichen
Abendflug mit dem Sonnenuntergang in Greifenburg auf der Landewiese
um die Wette strahlen. Nur wenige Tage vorher hatte ich mit Luki,
unserem Teamchef, eine Diskussion über die Motivation zum Wettbewerb
fliegen allgemein und individuell. Der Anlass war die fehlende Experimentierfreudigkeit
in der deutschen Drachenszene bei Aufgabenstellung und Wertungskriterien,
es mangelt selbst an Begeisterung für schöne, einfallsreiche
aber vielleicht auch anspruchsvolle Flugrouten. Die innovativen
Ideen in unserem Sport haben andere. Aber genau solche traumhaften
Flüge in die untergehende Sonne, wo man den Tag bis zur letzten
Thermikblase geniesst sind die Ursache für Freude und Motivation
zum Fliegen. Die wunderschöne hochalpine und noch reichlich
schneebedeckte Landschaft von der Wolkenbasis aus bewundern, beim
nach Hause fliegen noch ein paar schöne Flugfiguren an den
Himmel zeichnen, das verbindet ästhetische Bewegung mit dem
unmittelbaren Naturerlebnis.
Die
Idee wird zum Plan
Den
grossen Hunger nach dem schönen Flug stillten wir bei Pizza
und Bier. Luki hatte nach der Landung noch schnell die Wetterprognose
für den 2. Mai ausgedruckt - und es sollte gigantisch werden.
Die Wettermänner prophezeiten wenig Wind und Basis um 4000
Meter. Jetzt ging die Phantasien mit uns durch. Herbert unkte: "bei
4000 er Basis fliegt er mit dem Drachen nach München".
Olli hatte den Alpenhauptkamm schon mal von Nord nach Süd,
vom Chiemsee nach Greifenburg überflogen, warum soll das nicht
auch in umgekehrter Reihenfolge gehen. Luki musste damals den Bus
fahren, also war er jetzt dran mit fliegen und Olli war somit zum
Auto fahren im Gespräch, weil die mussten ja auch noch über
den Alpenhauptkamm !! Ich sagte dann "wenn Herbert nach München
fliegt, dann schaffe ich das auch bis Berlin" und dann kam
der Vorschlag von Hans. "Warum fliegen wir nicht zu uns nach
Brannenburg, da gibst nach der Landung Cappucino im Laden, was zu
Essen und im Falle Platz zum Schlafen". So viel Bier dass wir
nicht mehr klar denken konnten, hatten wir noch nicht, es war ein
verlockender Gedanke den Alpenhauptkamm von Süd nach Nord zu
überqueren. Aber dann war da noch die Rückholerei, Herbert
hatte einen Termin am nächsten vormittag, Luki und Olli sollten
helfen aus Sonne Strom zu machen, Hans einen Schreibtisch voll Arbeit
und meine Flugschüler warteten auch schon ungeduldig auf meine
Rückkehr, und vielleicht wird das Wetter ja auch nicht so gut
wie vorhergesagt !! Jeder von uns hatte auf dem Weg ins Bett und
in den kühnen Träumen Gelegenheit sich mit dem Vorhaben
auseinanderzusetzen.
Der
Glaube an den besonderen Flug
Am
Morgen stahlblauer Himmel, kein Lüftchen regt sich. Beim Frühstück
auf der Wiese und beim spielen mit Herberts Motorgleitschirmmodell
fühlen wir die gute Luft an diesem Tag. Wir organisieren den
Tag. Alle Termine werden verschoben und wir planen Zielflug Emberger
Alm - Brannenburg auf die Landewiese von Aerosport. Zwei Punkte
auf der Karte, aber welches ist der Weg ? Olli schlägt vor
über Mallnitz ins Gasteiner Tal, dort ist er auch bei seiner
"Erstquerung" drüber, Herbert möchte den Weg
fliegen, den er sonst mit dem Auto fährt, sprich über
Matrei und den Felbertauern. Nach Abwägung von Wetter und der
weiteren Flugroute beschliessen wir den direkteren
Weg und planen Felbertauern
Die
Flugvorbereitung
Wir
fahren zeitig zum Startplatz, erstmalig erkennt man Zielstrebigkeit
für unser grosses Ziel. Aufbauen, alle Akkus checken, Film
einlegen, Startmeldung ausfüllen, alles geht schnell und routiniert,
naja wir sind ja auch nicht mehr ganz grün hinter den Ohren.
Frigga verspricht uns abzuholen, auch wenn wir nicht genau auf Ihrem
Heimweg landen sollten, unsere Autos lassen wir in Greifenburg,
man kann ja auch nicht alles organisieren. 13:30 Uhr hatten wir
als optimalen Startzeitpunkt gedacht. Es sind zwar nur knapp 140
km, aber wer weiss schon was uns da über dem Alpenhauptkamm
alles erwartet.
Wir sind startklar, da hat ein Starrflügelpilot einen Fehlstart,
weil er mit dem Flügel den Hang tuschiert. Er crashed mit reichlich
Energie ca. 40 m unterhalb der Startstelle in den Hang. Wir eilen
zu Hilfe. Der Pilot ist bei Bewusstsein, das Fluggerät völlig
zerstört. Wegen der starken Schmerzen und dem langen Weg von
der Alm ins Tal holen die Sanitäter den Hubschrauber. Uns wird
direkt vor Augen geführt wie nah die Freude und Lust zum Fliegen
mit persönlichem Schmerz und Schicksal zusammen liegen kann.
Um 15 Uhr beschliessen wir uns die Lust zum Fliegen beim fliegen
wieder zu holen, checken nochmals das Equipment und legen uns in
die Luft. Der Plan unverändert, wir versuchen es.
Es
geht los
Warum
einfach wenn´s auch kompliziert geht. Die vergangenen Tage
bei der Liga habe ich mich nach dem Start immer schön konzentriert
gleich an die Basis katapultiert, heute semmel ich an den ersten
Bärten vorbei und finde mich 700 m unter dem Startplatz wieder.
Ein Lichtblick, Luki ist noch bei mir. Ein verstohlener Blick nach
oben - Olli, Herbert und Hans scheinen in der Stratosphäre
zu fliegen, kaum noch zu erkennen unter der Wolke. Ich bekomme ein
bischen ein schlechtes Gewissen, weil wir zusammen fliegen wollten.
Ich studiere jetzt die Strassenschilder von Dellach, statt unter
der Basis dem Ziel entgegen zu eilen und ich hab noch nicht mal
das Startfoto gemacht. Also! Tritt in den Hintern, Kopf frei machen,
und aufi geht's. Zurück zum Fichtenheim, dem Startpunkt, mittlerweile
habe ich auch Luki verloren, dafür zieht der Hausbart mit 5
m/s plus.
Taktik
beim gemeinsamen Fliegen und das Drautal
Die
Franzosen, die diese Fabelstrecken mit dem Gleitschirm fliegen haben
das System, dass immer der unterste in der Thermik den Zeitpunkt
des Abfliegens bestimmt. Das soll helfen zusammen zu bleiben. Wir
wollten dieses System heute mal ausprobieren. Noch waren wir aber
nicht zusammen - das änderte sich doch bald. Die drei Vorausgeeilten
flogen langsam und warteten, so dass wir schon nach 15 km dann alle
beieinander waren. Und ich war der unterste. Also gleich mal ausprobieren,
ob die anderen mitziehen, auch wenn ich nicht ganz aufdrehe. Alle
folgten und das System schien aufzugehen. Und wir waren sogar richtig
schnell dabei. Vor der langen Querung nach Lienz dann mal bis ganz
an die Basis bei 3500 m. Am Zettersfeld trafen wir einen Fliegerkollegen,
der uns die Thermik markiert hatte, wir stiegen unter Ihm ein, über
Ihm aus und waren wieder weg. Der muss gedacht haben wir sind von
der Tarantel gestochen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir das Ziel
vor Augen und erkannten dass es trotz spätem Start noch möglich
war zumindest über den Hauptkamm zu kommen.
Ins
ewige Eis mit massenhaft Schnee
Von
Lienz Richtung Nord, dort werden die Berge höher und es lag
trotz Mai noch wahnsinnig viel Schnee. Ab Matrei schlängelte
sich nur noch die schwarze Verkehrsader durchs schmale Tal, sonst
schien alles weiss. Bis hierher hatten wir die Flugroute besprochen,
weil sie bis hierher kannten. An den Pilotenentscheidungen sah ich,
wie die Anspannung vor dem Unbekannten stieg. Luki und Hans bremsten
in den letzten Bärten vor dem Felbertauern etwas ein, Olli,
Herbert und ich, liessen uns mit dem stärker werdenden Südwind
bei wesentlich schwächerem Steigen als zuvor auf den Sattel
über dem Strassentunnel zutreiben. Bei aufhörendem Steigen
auf 3200 m und die ersten grünen Flecken des Pinzgau am Horizont
in Sicht, entschied ich mich zum Abfliegen Richtung Nord. Olli war
die Höhe nicht ausreichend, er bog im gleichen Moment aus dem
gemeinsamen Kreis nach Süden ab, um einen neuen Anlauf zu versuchen,
und Herbert wusste nicht so recht wem er sich anschliessen sollte.
Somit hatten wir uns alle aus den Augen verloren. Die Wolken breiteten
sich aus, die Untergrenze wurde niedriger und die weissen Berge
immer höher, je näher wir dem Hauptkamm kamen. Dahinter
war der Himmel blau. Der Blick war wie durch eine schmale waagerechte
Scharte in das offene weite Land. Die Berge dahinter wirkten aus
dieser Perspektive wie kleine Hügel, und nach Norden schien
eine unendliche Weite.
Windphänomen
Im
Drautal war kein überregionaler Wind feststellbar. Wir hatten
gute Thermik bei 4 bis 6/8 Cumuluswolken mit einer Basis von bis
zu 3600 m. Zum Alpenhauptkamm hin nahm der Wind auf 50 bis 60 km/h
zu und schon nach weiteren 15 km, auf der Nordseite des Pinzgau
war es wieder windstill. Auf der Nordseite herrschte deutlich schwächere
Thermik. Beeindruckend vorzustellen was da bei 30 km/h Wind passiert.
Meine meteorologischen Grundkenntnisse wurden dann auch bei reichlich
bockigen Verhältnissen nach der Hauptkammüberquerung bestätigt.
Zwischenzeitlich hatte ich Bedenken überhaupt bis Mittersill
zu kommen.
Pinzgau
und Kitzbühl
Auf
der Nordseite des Pingau etwas östlich des Pass Thurn angekommen,
hatte ich nun Gelegenheit durchzuschnaufen, nach den anderen Ausschau
zu halten, und die geniale Kulisse der zurückgelegten Strecke
von der anderen Seite zu geniessen. Die Thermik war hier eher schwer
zu lokalisieren und deutlich schwächer. Von meinen Fliegerkameraden
war nichts zu sehen und da ich funkfrei war auch nichts zu hören.
Als dann Kitzbühl im Gleitwinkelbereich auftauchte, wurde das
eigentliche Ziel Brannenburg wieder präsent in den taktischen
Überlegungen der weiteren Flugstrecke. Wenig Zeit, weil spät
dran - also direkt fliegen. Mein Gleiten brachte mich so direkt
von Süden tief über die schneebedeckten Pisten vom Hahnenkamm,
zum schon im Aufwind zappelnden Windsack an der Bergstation der
Gondel. Noch mal auf 2700 m und wieder direkt tief in den wilden
Kaiser.
Der
Kaiser nimmt uns in den Arm
Nee,
nicht der - der wilde Kaiser. Hans sagte vorher: 2700 am Kaiser
reicht zu Aerosport. Es reicht also einmal aufdrehen und dann wird
das Ziel doch noch machbar. Am Fusse des Geröllfeldes werde
ich dann fündig, und als ob mich jemand belohnen wollte, wächst
das Steigen mit jedem Meter Höhe weiter an. Am Gipfel auf 2300
sind es schon 3 m/s und da kommt Olli angesegelt. Welch eine Freude
das Ende eines solchen Fluges gemeinsam geniessen zu können.
Der
zahme Kaiser ist kein Hinderniss mehr und so Gleiten wir heute ohne
den bayrischen Wind dem Flachland entgegen.
Welcome
home
18:20
und bei Aerosport wird noch gearbeitet - da angel ich mir gleich
Konny als Landezeugen. Dank mobiler Kommunikation sind die anderen
auch schnell lokalisiert. Hans hat unmittelbar vor dem Hauptkamm
kehrt gemacht und ist in Matrei gelandet, Herbert steht in Reit
im Winkl und Luki an der hohen Salve. Frigga ist schon unterwegs
die Jungs einzusammeln und wir treffen uns wieder in der Pizzeria.
Und wenn einer sagt immer Pizza ist langweilig, dann aber bestimmt
nicht das was zwischen den Pizzen passiert und irgendwelche Stetigkeit
im Leben ist ja auch nicht schlecht.
Lukas
Bader, FlyRanch Berlin
NordAlpenrundflug
Bei
einer Nordlage starten wir zu einem wunderschönen Dreieck.
Start in Kössen, über die Loferer und Leoganger Steinberge
nach Zell am See, durch das gesamte Pinzgau über den Gerlos
ins Zillertal und wieder zurück nach Kössen. Die Landschaft
war atemberaubend, der Flug ein Genuss.
Nicht
im Motorflugzeug, das ist passiert beim Drachenwettbewerb der deutschen
Liga am 13. Mai 2001.
Ein
ausführlicherer Artikel dieses wunderschönen Fliegererlebnisses
kommt im
Augustheft
vom Fly & glide.
Lukas
Bader

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